Gute Seele für den Schlaatz

Nachrichten
// 17.03.2021 // Jasmin Richter

Vandalismus, Müll, Lärmbeschwerden: Auf Tour mit Andreas Kulik, Potsdams erstem Kiezkümmerer.

Schlaatz - Viel ist gerade nicht los am Marktplatz im Schlaatz: Es ist Dienstagvormittag, es ist kühl und windig, nur wenige Menschen laufen Richtung Rewe-Supermarkt. Andreas Kulik steht mit seiner leuchtend orangen Jacke vor dem Projekthaus Erlenhof 32, Kiezcafé, Sozialberatung und Selbsthilfewerkstatt in einem. „Moin!“, grüßt ein vorbeikommender Hausmeister, Kulik grüßt zurück. Der 35-jährige Potsdamer ist gut vernetzt in seinem Stadtteil, denn er ist der erste offizielle Kiezkümmerer der Landeshauptstadt. Als solcher hat er immer ein offenes Ohr für alle möglichen Art von Bürger*innen-Anliegen, von Vandalismus über Lärmbeschwerden bis hin zu illegalen Mülldeponien. „Müll ist für die meisten Leute hier das größte Ärgernis“, sagt Kulik. „Es kommen immer wieder Leute aus Berlin, wo man für die Sperrmüllabholung bezahlen muss, und laden ihren Sperrmüll hier ab, wo es kostenlos ist. Zuletzt war das an der Alten Zauche.“

Kiezkümmerer soll kein Kiez-Sheriff sein

Wenn Kulik so etwas sieht, zückt er das Handy, macht ein Foto und gibt der Stadtreinigung Bescheid. Projektkoordinator Dirk Maischack betont jedoch: „Der Kiezkümmerer ist nicht das Ordnungsamt und auch kein Kiez-Sheriff.“ Kulik arbeitet eng mit Wohnungsunternehmen, sozialen Einrichtungen, der Polizei, der Stadtentsorgung und dem Ordnungsamt zusammen und soll als Schnittstelle zwischen Anwohner*innen und Behörden dienen. „Die gute Seele des Kiezes“, wie Maischack gerne sagt: „Ziel ist ein besseres Miteinander, eine Vertrauensperson, die dem Stadtteil die Anonymität nimmt.“

Früher hat Kulik als Fliesenleger, Bauarbeiter und Koch gearbeitet, zuletzt war er in der Selbsthilfewerkstatt am Erlenhof tätig. Hier hat er unter anderem eine mobile Küche auf Rädern gebaut, die man für Outdoor- Veranstaltungen ausleihen kann. In der Werkstatt habe er auch vom Kiezkümmerer-Projekt erfahren: „Es hat mich gereizt, dass ich mich für den Kiez und für die Menschen einsetzen kann.“ Als Kiezkümmerer ist er nun auf Teilzeit-Basis für 30 Stunden die Woche von der Landeshauptstadt angestellt. Begonnen hatte seine Arbeit schon im Dezember, allerdings folgte dann erst mal eine zweimonatige Einarbeitung und Weiterbildung.

In seiner auffälligen Jacke mit dem Schriftzug „Kiezkümmerer“ ist Kulik von Montag bis Freitag im Schlaatz unterwegs: Am Montag und Dienstag in den „Horsten“ und „Höfen“ – also zum Beispiel am Milan-Horst oder im Pappel-Hof. Mittwochs geht es in die „Kieze“, etwa am Bisamkiez und am Donnerstag ist er im Zentrum rund um den Marktplatz. Am Freitag besucht er gezielt soziale Einrichtungen wie das Bürgerhaus am Schlaatz oder das Friedrich-Reinsch-Haus.

Zuhören und vermitteln sind Kiezkümmerer-Aufgaben 

Kulik wohnt selbst im Schlaatz, er kennt die Themen und Probleme vor Ort. Hin und wieder geht er auch schon mal mit Anwohner*innen ein Stück spazieren und hört zu. „Ich bekomme viel positives Feedback, vor allem von Älteren“, sagt Kulik. „Die Jüngeren gehen noch etwas auf Abstand.“ Maischack ist optimistisch: „Der Kiezkümmerer wird eine Weile brauchen, um sich zu etablieren, nach und nach werden sich die Leute daran gewöhnen.“ Kulik macht viel Smalltalk, ist dabei aber nicht nur Zuhörer, sondern auch Vermittler: Er gibt Tipps zu Unterstützungsangeboten im Kiez, zu Veranstaltungen vor Ort oder informiert über kommende Sanierungsvorhaben im Stadtteil. Vor allem möchte er die Anwohner*innen darauf aufmerksam machen, wie man eigene Ideen in das Planvorhaben „Schlaatz 2030“ einfließen lassen kann: Dabei handelt es sich um eine „Visionenwerkstatt“ des Arbeitskreises Stadtspuren in Kooperation mit der Landeshauptstadt, in der über die künftige Entwicklung des Stadtteils beraten werden soll.

Das Plattenbaugebiet Schlaatz wurde in den 1980-er Jahren errichtet.

Koordinator Maischack ist stolz, dass das Projekt Kiezkümmerer endlich an den Start gegangen ist: Die ersten Ideen dazu gab es bereits 2017 im Rahmen des „WorkIn Potsdam“-Projektes, das vom Bundesinnenministerium und dem Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert wird. Seit Ende 2019 hatte der Bereich Arbeit und Beschäftigung der Landeshauptstadt an der Ausgestaltung des Konzepts gearbeitet. „Wir haben lange für den Kiezkümmerer gekämpft“, sagt Maischack. „Der Bereich Stadterneuerung und das Quartiersmanagement haben sich sehr dafür stark gemacht.“ Finanziert wird das Projekt zu 80 Prozent vom ESF, zu zehn Prozent vom Innenministerium und zu zehn Prozent von der Stadt.

Kulik soll nicht Potsdams einziger Kiezkümmerer bleiben: Noch in diesem Jahr werden zwei weitere Kiezkümmerer an den Start gehen, zum einen in der Gartenstadt Drewitz und zum anderen am Stern. „Eigentlich sollte jeder Stadtteil so etwas haben“, findet Maischack. Kulik jedenfalls ist glücklich über seinen neuen Job: „Es ist toll, Kiezkümmerer zu sein.“

PNN-Artikel von Erik Wenk vom 16.03.2021

Foto: Otoo Winter PNN